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Michael Hartenfels

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© 2019 by Michael Hartenfels / Bad Soden

Über den Zustand der Liebe -

Inhalte einer notwendigen Liebesschule

Von der äußeren Forderung zur Inneren Entscheidung. 

von Michael Hartenfels 

   Seit einigen Jahren hängen Stahlschlösser mit den eingravierten Namen zweier Liebenden an den Brückengeländern unserer Städte und bezeugen das metallische Treueversprechen zahlloser Paare. Ein eisernes Schloss wirkt unfrei und bedrohlich, während das seit Jahrhunderten verwendete Herz, in das man einen Pfeil mit zwei Namen zeichnet, poetisch und romantisch leuchtet.   

 

   Was verändert sich, wenn die Art, wie wir lieben und treu sind, einem solchen Wandel der Symbole unterworfen wird? Wieso multiplizieren sich diese Schlösser im öffentlichen Raum dermaßen penetrant? 

 

   Liebe ist ein Kind der Freiheit und zum Glück unkontrollierbar. Freiheit in der Liebe wird möglich, wenn ich bereit bin die Verantwortung für mich und meine Gefühle zu übernehmen. Die Ausschließlichkeit monogamer und geschlossener Paarbeziehungen, die diese Schlösser feiern, basiert auf Unreife und dem Verbleiben in der eigenen Kindlichkeit. Ich will etwas vertraglich regeln, was sich nicht vertraglich regeln lässt, ohne es von seinem Wesen her zu zerstören. Ich will möglichst lange und umfassend versorgt werden: mit Aufmerksamkeit, Intimität, Liebe, Geschenken, gemeinsamen Feiertagen oder Sexualität. Der Wunsch Verantwortung abzugeben steht im Vordergrund. Viele Menschen scheuen Verantwortung, weil sie in unserer Kultur gleichgesetzt wird mit Verpflichtung und Verzicht. Verantwortung ist hingegen eines der attraktivsten Dinge im Leben überhaupt. Sie bedeutet sich für die eigenen Sehnsucht, Begeisterung, Freude und eben auch Liebe zu engagieren. Bin ich verantwortlich unterwegs, tue ich etwas aus eigenen Stücken für mein persönliches Glück, statt auf die Erfüllung von außen oder durch den Partner zu warten. Ich beende den ständigen, meist stummen Vorwurf gegen die Welt. Danach spüre ich erst, was ich tief in meinem Innersten schon lange tun wollte.

 

   Die häufigsten Todesursachen in Westeuropa sind Herz-/Kreislauferkrankungen. Die Heilung der Herzens kann beginnen, wenn wir Liebe nicht mehr vertraglich regeln müssen. Mein Vertrauen in die Liebe zu einem anderen Menschen wird zu einer eigenen inneren Entscheidung und ist dadurch nicht mehr abhängig vom richtigen oder falschen Verhalten meines Gegenübers. Ich entscheide mich, meiner Liebe treu zu sein und verlasse nicht mehr. Aus Angst verlassen zu werden, suchen viele Liebende Gründe für diese Angst im außen. Oder sie verlassen zuerst, um selbst nicht verlassen zu werden.  

 

   Man kann sich von einem Moment auf den anderen verlieben, egal ob man will oder nicht. Eine unglaubliche Herzöffnung wird möglich, wenn ich nicht mehr verheimlichen muss, dass ich auch andere Menschen liebe. Treue definiert sich dann nicht mehr, indem ich von mir oder meinem Gegenüber einen Verzicht auf den Rest der Welt fordere. Verantwortung für die eigenen Gefühle bedeutet etwa, dass meine Eifersucht nichts mehr zu tun hat mit dem, was der andere getan oder nicht getan hat. Es ist an mir, meine Gefühle zu bearbeiten, statt Verhaltenskorrekturen von meinem Partner zu fordern. Bezogen auf die Schlösser: kein Mensch ist Besitz und die Liebe ist frei. Weil sie sowieso frei ist! Meine japanische Freundin Ajano hält Freiheit in der Liebe nur für ein Konzept, dass ihr schlicht nicht gefällt und sie in ihren konditionierten Vorstellungen bedroht. Kürzlich meinte sie überraschend, mit unserer Art der offenen Partnerschaft mit meine Lebensgefährtin Maren, wären wir das einzige Paar in ihrem Freundeskreis, dass seit Jahren immer noch glücklich zusammen lebt. Andere Freunde monogamer oder sogar verheirateter Paare hätten sich hingegen - zum Teil schon mehrfach - getrennt. Sie schien empört und mehr noch interessiert an diesem Sachverhalt. Es konfrontierte mich mit der Frage: Was machen Maren und ich als festes und doch offenes Paar seit 17 Jahren eigentlich richtig? 

 

  Der Weg in die Freiheit endet, wenn ich den anderen Menschen für mein Glück verantwortlich mache. Diese Verantwortungslosigkeit führt in den engen Raum der herkömmlichen Zweierbeziehungen. Wenn ich hingegen Verantwortung übernehme, wird alles, was mein Partner mit anderen Menschen unternimmt oder erlebt möglicherweise eine Bereicherung statt einer Bedrohung für unserer Liebe. Genau genommen muss sich der andere sogar frei in die Welt bewegen dürfen, um dauerhaft mit mir zusammen sein zu können. Ich bin neugierig, wie er oder sie sich entwickelt. Ich erlaube dem anderen die ganzer Fülle seiner Möglichkeiten. Gerade weil ich sie liebe, stelle ich mich dem zur Verfügung, was ihre Handlungen bei mir auslösen. Regeln, Forderungen oder Vermeidungen nutzen nicht wirklich. Gerade wenn es um Liebe geht, gibt es nichts zu fordern und keine Bedingungen für irgendetwas; denn damit endet die Liebe unmittelbar und ich begebe mich auf die Geschäftsebene zweier Handelspartner. Eine freie Liebe und wirkliche Kontaktfähigkeit ist nicht die Frage von Absprachen oder psychologischen Erkenntnissen, sondern fast ausschließlich eine Aufforderung, seine Gefühle zuzulassen und in die eigene Verantwortung für sie zu gehen. Aber wie kann ich mit den dabei hochkommenden Gefühlen arbeiten?

 

  Es gilt erwachsen zu werden in der Liebe. Als Erwachsener betrachte ich die Handlungen und Erlebnisse meines Partners als Bereicherung und Möglichkeit. Bleibe ich im inneren Kind, gebe ich die Verantwortung für meine Gefühle ab und gehe regelmäßig in den Vorwurf. Professionelle Paarberatung setzt sich daher meist mit der Elternbeziehung und dem inneren Kind des Klienten auseinander. Der andere hat irgendetwas getan oder nicht getan, gesagt oder erlebt, das Schuld ist an meinem Unwohlsein oder auch an meinem Glück. Das noch unentwickelte „Kinder-Ich“ in mir will, dass der andere sich auf eine bestimmte Weise verhält und erwartet dafür stumm mit vorwurfsvollem Blick oder ausgesprochen das Einlösen bestimmter Forderungen. Das Kindliche nimmt sich das Recht zu toben, zu wütend oder bösartig zu werden, aber auch unterwürfig, devot oder infantil, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt werden. Mit dem inneren Kind bewusst zu arbeiten ist segensreich, es im Alltag jedoch unbewusst auszuleben führt regelmäßig zum Drama. Das Kinder-Ich ist immer im Recht, sucht Verbündete und hat gute Gründe so zu sein, wie es ist. Wenn ich glaube im Recht zu sein, bin ich in meist schon verloren. Regelmäßig verbinden sich gerade Menschen, die im Kindlichen verbleiben wollen zu Paaren. Sie machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. Ich will mir im inneren Kind nicht anschauen, wie die Realität und mein Partner wirklich beschaffen ist und was sie mir sagen wollen. Die meisten Menschen leben in dieser „Pippi Langstrumpf“-Welt. Dieses Niveau hat seinen berechtigten Platz in einer bestimmten Entwicklungsphase des Kindes - es ist aber nichts mehr hilfreich in der Welt eines erwachsenen Menschen.

 

   Das Kinder-Ich sucht sich einen Mama oder Papa im Partner um versorgt zu werden. Anschließend meint es berechtigt empört sein zu dürfen, wenn der andere dieses Bedürfnis nicht befriedigt. Der unbewusste Mensch wird auf diese Weise bedürftig, abhängig, anhänglich und sucht aus der Not heraus die ausschließliche Verbindlichkeit mit einem anderen Menschen. Er glaubt, es hat das lebenslange Recht auf einen Elternteil oder eben einen Partner. Dieses unreife, innere Kind kreiert heute in der Regel das, was wir Partnerschaft, Ehe und Beziehung nennen. 

 

   Das Kinder-Ich hängt Schlösser an Brücken und findet dieses Elend auch noch richtig oder sogar romantisch. Unsere Kultur ist noch nicht eingetreten in den Zustand des Erwachsenen-Ichs und damit der Möglichkeit wirklich ehrliche und freie Beziehungen führen zu können. Vor diesem Hintergrund verhindert und zerstört das bürgerliche Konstrukt der christlich initiierten, eheartigen Beziehungsformen regelmäßig echte Liebe und Intimität zwischen Menschen. Unsere ganze Gesellschaft wird durch diese Konditionierung gefärbt, deformiert und in ihrer Entwicklung behindert. Liebe findet nicht wirklich statt!

 

   Reife Beziehung bedeutet: der andere ist frei. Weil er frei ist! Er hat sein Geburtsrecht und darf jederzeit die Erfahrung machen, die er für seine Entwicklung braucht, ohne irgendjemanden um Erlaubnis fragen zu müssen. Ich schränke den anderen in keiner Weise ein und stelle mich ohne Vorbehalte meinen Erfahrungen, die sich aus unserem Kontakt ergeben. Die gereifte Persönlichkeit fordert keine Ergebnis vom Gegenüber, sondern öffnet sich den Möglichkeiten, die sich im gemeinsamen Kontakt ergeben. Das Erwachsenen-Ich weiß noch nicht sicher, was entstehen wird, wenn ich der angelegten Attraktivität zwischen meinem Liebespartner und mir folge. Wir gehen zusammen auf eine Reise, die nicht definiert ist, auf deren innere Richtigkeit und Sinn wir aber vertrauen. Innerhalb einer Beziehung ist es natürlich möglich, kindliche Phasen zu durchleben oder bewusst mit dem inneren Kind zu spielen um Lebendigkeit ins Leben zu lassen oder alte Traumata aufzulösen. Diese Heilkräfte sind aber nur möglich in eigenverantwortlichen Kontakten. Basiert die Partnerschaft jedoch auf dem unbewussten Kinder-Ich, sind Drama, Destruktion und baldige Trennung vorprogrammiert. 

 

   Viele Paare stehen in der therapeutischen Arbeit meist vor der Entscheidung, ob sie ihre Kinderbeziehung in einer Erwachsenenbeziehung entwickeln oder sich trennen. Für diesen Weg haben wir mit unserer Liebesschule Handlungsspielräume und Erfahrungsräume geschaffen. Andere Ebenen wie Erotik, biographische Arbeit, Konfrontation mit den inneren Eltern oder die Erarbeitung eines Grundwissens zu den Themen Sexualität, Erotik, Religion, Weiblich- und Männlichkeit sind regelmäßige Inhalte. Im Kontext der Gruppen arbeiten wir differenziert auch mit der innerer guten und bösen Tochter bzw. Sohn - differenzierte Inhalte, die einen eigenen Text wert wären. Unsere Schule lehrt das für Menschen Spannendste überhaupt; die persönliche Rückbindung mit der eigenen individuellen Quelle unseres Lebens von Liebe und Erotik. Was ist für mich Intimität und wie kann ich ermöglichen, dass sie in meinem Leben stattfindet? Welche Individualität will in der Liebe durch mich in die Welt? Welche für mich wirklich attraktiven Menschen ziehe ich an und lasse ich zu auf meinem Weg in der Liebe?

 

   Viele Paare überleben ohne bewusster Spiritualität zwar für kurze Zeit, aber sie haben noch keine Essenz und sind nicht von Liebe getragen. Sie sind materielle, emotional reaktive Verbindungen auf Zeit. Nach der ersten Ahnung und einigen schönen Begegnungen ist meist schon „Schluss“. Man trennt sich immer rascher oder lebt als definiertes Paar einfach ohne Liebe, mit eingefahrener Sexualität und ohne eine gemeinsame Entwicklung weiter. Diese seelenlose Beziehung ist gekennzeichnet durch das gemeinsame Konto, das gemeinsame Haus, die gemeinsamen Kinder und die gemeinsame Altersversorgung. Eine „Gemeinsamkeit“, die gar nicht wirklich vorhanden ist und deren Sinnlosigkeit spätestens dann offensichtlich wird, wenn die Kinder "groß" geworden sind. Es gibt in diesem kleinen Beziehungskasten eines Paares immer weniger Sinn, Freude oder Liebe - er bricht trotz anfänglicher Treueversprechen auseinander.

 

   In der Herzarbeit gelten folgenden Grundlagen: keine Abwehr, Ehrlichkeit, Mut das Eigene zu fühlen, das Auflösen fixer Punkten in meiner Weltsicht (das ist „meine“ Frau, „mein“ Kind, „mein“ Haus und „so“ bin ich). Es geht um das bewusste Gestalten von immer größeren gemeinsamen Inseln in unseren intimen Beziehungen. Die Lösung des Blickes aufeinander führt rasch zu einem gemeinsamen Blick in die Welt. Was wollen wir als Paar in die Welt geben und gestalten aus unserem gemeinsamen intimen Raum der Zweisamkeit heraus? Das kann ein Kind sein, muss es aber nicht. Auch die Frage nach der eigenen Lebensphase und der persönlichen Ausrichtung spielt hier eine Rolle. Was können wir beide in dieser Weise nur gemeinsam tun, dass kein anderer so tun kann? Hier beginnt und gestaltet sich eine tiefere Form der Romantik. Wofür wurden wir vorbereitet und zusammengebracht? Hier beginnt der spirituelle Raum einer Beziehung, den viele Paare mit dem Kinderkriegen bereits beenden. Damit meine Partnerin und ich uns entwickeln können, ist ein freie Umgang mit der Welt essenziell. Intimität ist nicht mehr der Auslöser für Trennung, sondern wesentliche Voraussetzung für einen, sich überhaupt erst entwickelnden Kontakt. Ich unterstütze das Geburtsrecht und die Entwicklungsmöglichkeit meines Partners, indem ich ihm und mir zugestehen, was die Essenz unseres Lebens ausmacht; Kontakt und Intimität zu anderen Menschen. Diese Intimität zu suchen, zu leben, zu pflegen, weiter zu entwickeln und wenn nötig wieder zu beenden ist die Grundlage. Von hier aus wird alles interessant, spannend und dient der notwendigen Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und auch der wirklichen Partnerschaft miteinander.

 

  Erst durch diese Spiritualität verfeinert und differenziert sich die Liebe und kann wachsen. Der große Ursprung für spirituelle Erfahrung ist die mannigfaltige Welt der Erotik. Erotik hat viel mit Zweisamkeit, aber ebenso viel mit Fremdheit und Wechsel zu tun. Die Liebesschule beschäftigt sich mit Quellensuche im Eros und seinen Gesetzmäßigkeiten. Sie verbindet Erotik mit Religion. Wie bewege und entwickele ich mich als Mensch, wenn ich jenseits meiner Konditionierung - endlich - wieder darf? Hier entsteht Treue, für die ich keine Stahlschlösser, Absprachen oder Eheverträge mehr brauche, um sie mir ständig bestätigen oder erzwingen zu müssen. Es ist der schlichte Weg von der äußeren Forderung zur inneren Entscheidung.

© Michael Hartenfels Bad Soden 2019