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 Herzarbeit© praktisch

(Auszug aus dem Buch "Herzarbeit - die Heilkraft der Gruppe" von Michael Hartenfels) 

 

 2.1.  Notwendiger Ausgangspunkt: Gefühle zulassen   

    2.2.  Studienbeispiel 1 / Liebessehnsucht zum Vater  

    2.3. Lernschritte des ersten Studienbeispiels        

          a. Alles ist erlaubt                

          b. Ehrlichkeit                  

          c. Den anderen präsent halten         

          d. Richtiger Abstand und stimmige Berührung   

          e. Projektion erlauben            

          f.  Notwendige Ressource geben          

          g. Zurückholen und Verantwortung adressieren  

          h. Feedback einsammeln         

 

 

 

2.2. Studienbeispiel 1 / Liebessehnsucht zum Vater

„Dazu sind eben Wünsch' und Träume dir verliehen, um alles, was dir fehlt, in deinen Kreis zu ziehen." Friedrich Rückert (1788 - 1866)

 

 

     In einer Begrüßungsrunde nannte eine Teilnehmerin ihren Namen und erklärte, es gehe ihr gerade „ausgesprochen gut“. Bei diesen Worten lächelte sie über das ganze Gesicht, schaute aber zugleich auf den Boden. Ich konnte ihr wirkliches Befinden spüren, stoppte ihren anschließenden Redefluss und forderte sie auf, ihre ersten Worte noch einmal zu wiederholen und mir dabei in die Augen zu schauen. Erneut senkte sie bei dem Wort „gut“ ihren Blick und schaute zu Boden. Beim dritten Versuch hielt sie den Blickkontakt und fing unmittelbar an zu weinen. Es gehe ihr gar nicht gut, gestand sie, sie sei traurig und verzweifelt. Da ihr wahres Gefühl nun durchgebrochen war, fing ihr Körper leicht an zu zittern. Ich durchquerte den Raum, ohne ihr jedoch zu nahe zu kommen und sprach weiter mit ihr in einem angemessenen Abstand von etwa zwei Metern. Ich lud sie ein, das Beben ihres Körpers vermehrt zu erlauben. Ihren verweinten Blick beantwortete ich mit: „Ich bin jetzt bei Dir“. Ich bot ihr meine Hände an. Sie legte zögernd ihre Hände in meine und bekam eine ganz helle, junge Stimme, die zweifelnd fragte, ob ich das auch ehrlich meinen würde. Um ihr die Verantwortung zurückzugeben, fragte ich sie, wie alt sie sich gerade mit ihrer Traurigkeit fühlen würde. Ihre junge Haltung, ihre bedürftige Ausrichtung an mich war jetzt auch für die Gruppenteilnehmer im Raum wahrnehmbar. Sie antwortete in kindlicher Manier: „Vielleicht drei Jahre.“  

 

    Viele spürten die Stimmigkeit dessen, was gerade passiert war und wussten, in welche Lebensphase das Verhalten der Teilnehmerin wirklich gehörte. Die Gruppe begann, sich zu entspannen. Spätestens nach dieser Einordnung konnten die meisten mitfühlen. Ich fragte die Frau weiter, an wen in ihrem Leben meine Person sie gerade erinnern würde? „An meinen Papa!“ kam für sie überraschend, aber unmittelbar als Antwort. Ich nahm diese Projektion, die sie nun selbst benannte hatte, zu mir und stellte mich ihr für den wirklichen Ursprung ihrer Verzweiflung zur Verfügung. „Ich bin jetzt Dein Papa“, wiederholte ich mit ruhiger Stimme, „und ich bleibe bei Dir bis zum Ende aller Zeiten“. 

 

    Bei diesen Worten fing ihr Körper erneut und stärker an zu beben und sie wollte nun ganz in den Arm genommen werden. Nach meiner Erlaubnis lag sie innerhalb weniger Augenblicke kindlich zusammengerollt in meinem Schoss und schaute mich mit ihren nun „jungen“ Augen an. Sie wollte noch in ihre Liebessehnsucht kollabieren, indem sie die Augen schloss und anfing, unkontrolliert zu schluchzen. Erneut forderte ich sie auf, mir in die Augen zu sehen, um sie zurückzuholen in eine verantwortliche Präsenz. Ich wollte nicht, dass sie kollabierte und in Liebesschmerz und Selbstmitleid versank. Durch den Blickkontakt spürte sie ihre Liebessehnsucht, ohne sich darin zu verlieren. Das heutige Erwachsenen-Ich und das frühere traumatisierte Kinder-Ich waren zugleich im Raum und konnten sich betrachten, erfahren und „verstehen“.

 

    Ich hatte die Teilnehmerin an der Hand genommen und wir waren innerhalb weniger Minuten gemeinsam in ihre Vergangenheit gereist. Sie war ihrer Liebessehnsucht und dem Liebesschmerz zu ihrem Vater in einer einfachen, unmittelbaren Weise begegnet. Ich hatte sie dabei bewusst begleitet und sie dort abgeholt, wo sie vor langer Zeit stehengeblieben war. Vereinfacht ausgedrückt hatte sie sich seit diesem kindlichen Alter damit abgefunden, dass es für sie in der Liebe keine Einlösung gibt. Ihr Leben war nicht „ihr“ Leben, sondern eine unbewusste Konstruktion, um diese grundlegende und unbeantwortete Vatersehnsucht zu überstehen. Ein Teil von ihr lebte energetisch noch als Dreijährige, obwohl sie über vierzig Jahre alt war. Ihre bisherigen Beziehungen, ihre Ehe und ihr Beruf waren - wie sich in späteren Prozessen mehr und mehr zeigte - um dieses vermeintlich unlösbare Liebesthema herum organisiert. Jemand der glaubt, in der Liebe keine Chance zu haben, lebt in einer komplett anderen Welt als ein Mensch, der als Kind Liebessicherheit erfahren hat.

 

    Dies alles passierte vor einer staunenden Gruppe, die sich eigentlich zu einer Begrüßungsrunde für ein gemeinsames Wochenende versammelt hatte. Innerhalb von Minuten fand die Intimität und die Sinnerfüllung statt, die viele Menschen in Seminar und Therapie oft unbeantwortet suchen. Die Begrüßungsrunde hatte sich direkt in eine Prozessrunde verwandelt und ich machte von diesem Tag an in meinen Gruppen keine formellen Begrüßungsrunden mehr. Wir beginnen vom ersten Moment an mit der Arbeit. Ich vermeide auch sonst feste Schemata oder Abläufe, arbeite unmittelbar mit dem, was direkt im Raum ist und bremse so nicht mehr den angelegten Fluss der Dinge. So können die später noch zu beschreibenden ES-Kräften direkt wirken (s. Kapitel 3.8.). 

 

    Es ist wie bei einem guten Gemälde oder einer guten Photographie: Es könnte gar nicht anders sein! Das Werk ist in sich schön, vollständig und stimmig. Die folgenden Kapitel sollen uns diesen „perfekten“ Raum und seine Genialität im Rahmen von Therapie und Gruppenarbeit verstehen lassen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

2.3. Lernschritte des ersten Studienbeispiels

„Willkommen in der Hölle der Wirklichkeit. Die Matrix wurde geschaffen, um uns unter Kontrolle zu halten. Solange die Matrix existiert, wird die Menschheit nie frei sein.“   

Morpheus im Film „Matrix“ von Wachowski 1999

 

 

    Grundsätzliche Erfahrungen und Lernschritte sind an dem geschilderten Beispiel erkennbar, die ich im Folgenden erläutern möchte. 

 

    a. Alles ist erlaubt. Solange es bewusst geschieht, ist in den Gruppen der Herzarbeit© alles erlaubt. Es gibt nichts „Falsches“ und es gibt keine wirklichen Störungen. Jeder darf jederzeit unterbrechen. Ich betone diesen Aspekt, weil wir unsere Gefühle in der Regel als störend oder unpassend erleben. In unserem Beispiel war dies die Liebessehnsucht zum Vater. Das, was ich aktuell fühle, wird sich erst später verstehen lassen. Zu Beginn macht es für den Verstand noch keinen Sinn, trotzdem ist hingegen das Gefühl da. Der Verstand sagt „Nein“ und hat seine vermeintlich „guten“ Gründe, zu blockieren. Das Gefühl aber sagt „Ja“ und möchte erlaubt und gefühlt werden. Unsere Konditionierung beurteilt die Gefühle in der Regel unmittelbar als „gut“ oder „schlecht“. Auf der Ebene des Gefühls gibt es aber kein richtig oder falsch! Zunächst darf das Gefühl einfach nur da sein und sich ausdehnen. Statt einem Gefühl kann auch indirekt ein inneres Bild oder ein Wunsch auftauchen. Während ich meine Gefühle zulasse, spüre ich auch die Muster, mit denen ich bisher versucht habe, meine Gefühle zu vermeiden. Es ist für den einzelnen Menschen sehr herausfordernd, zuzulassen, was er die meiste Zeit seines Lebens versucht hat zu vermeiden. Gefühle dürfen nicht nur gezeigt, sondern auch bewusst gestaltet werden. Bevor der Mensch sich die Erlaubnis hierfür mehr und mehr zugestehen kann, ist es Aufgabe des Therapeuten oder Gruppenleiters, diese Erlaubnis von außen zu gewähren. Das heißt jedoch nicht, dass die Gefühle unbewusst ausgelebt (s. Kapitel 3.1.) oder jemand anderem realer Schaden zugefügt wird. 

 

    b. Ehrlichkeit. Was ich fühle, ist ehrlich und ermöglicht Tiefe. Gefühle helfen mir, meine Wahrheit wieder zu spüren. Sie zu äußern kostet Mut, weil Ehrlichkeit von anderen als Angriff verstanden und verletzend erlebt werden kann. Der Zugang zum eigenen Gefühl sollte eigenständig erfolgen. Hätte ich zu der Teilnehmerin gesagt, dass sie eigentlich traurig sei, wäre sie in den Widerstand gegangen. Ich hätte ihr die Möglichkeit genommen, ihr Gefühl selbst zu entdecken. Stattdessen forderte ich sie im Moment ihrer Unwahrheit zum Blickkontakt auf, um ihr wirkliches Gefühl und ihren Zustand für sie erfahrbar zu machen. Sie fühlte unmittelbar, inwieweit ihre Rede nicht stimmig war und war wieder verbunden mit sich selbst. Sich fühlen und äußern zu können, war ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu „ihrer“ Wahrheit. Ein gefühlsarmes Leben wird auf diese Weise auch auf anderen Ebenen wieder reich. Viele Menschen denken, sie hätten ein glückliches Leben, aber fühlen sich nicht wirklich in der Tiefe. Mit dem Zulassen und Erleben von Gefühlen wird eine echte Form von Glück erfahrbar. Wenn ich meine Gefühle wieder spüre, kann ich anfangen, mich von ihnen zu meinen inneren Themen leiten zu lassen. Ich beginne, ehrlicher zu werden.

 

    c. Den anderen präsent halten. Da die Gefühle in unserer Kultur grundsätzlich zurückgehalten werden, ist deren Ausbruch oft überraschend und drastisch. Die Menschen neigen dazu, in ihrer Begeisterung mit ihrem Gefühl übermäßig zu werden. Etwa indem sie ihre Wut hysterisch herausschreien oder mit ihrer auftauchenden Trauer und an dem bewusst gewordenen alten Schmerz schluchzend verzweifeln. Die Menschen wollen den lange aufgestauten Druck ablassen. Sie werden dadurch unbewusst und schaffen so wieder eine Möglichkeit, nicht fühlen zu müssen. Oft geschieht dies in dem Augenblick, wenn das erste Gefühl sich verändert und ein tieferes zweites Gefühl hochkommen möchte. Gefühle folgen aufeinander und bieten durch ein bewusstes Begleiten die Möglichkeit für immer größerer Tiefe. 

    Viele Gruppen (z.B. „Encountergruppen“) geben vor, Gefühle zu thematisieren, arbeiten jedoch nur mit dem gezielten Provozieren dieser gestauten Energie. So springen die Teilnehmer zum Beispiel zehn Minuten auf der Stelle, schütteln sich oder brüllen, um eine Wut und die damit verbundene Dynamik künstlich entstehen zu lassen. Sie verlieren durch die Künstlichkeit der erzeugten Emotion auch den Kontakt zu ihrem wirklichen Gefühl. Da dieses Antreiben von Emotionen sehr spektakulär ist, sich befreiend anfühlt und stark auf die Teilnehmer wirkt, nutzen viele Gruppen diese Methodik. Oft wird schon das künstliche Erzeugen von Emotionen als Lösung oder Methode vorgestellt. Interessant und kraftvoll wird die Wut jedoch erst, wenn sie durch eine Situation individuell auftaucht und zugelassen wird. Die lange Unterdrückung von Gefühlen lässt eine Eskalation entstehen, die bei den Anwesenden manchmal Begeisterung, oft aber auch Angst auslöst. Die Eskalation von Emotionen zeigt schnell, wie unecht sie sind und führt viele Therapeuten und Gruppenleiter in eine Überforderung. Weil sie damit nicht umgehen können, tendieren sie dazu, auch echte Gefühle in ihren Gruppen zukünftig nicht mehr zu unterstützen. 

    Erst muss ich lernen, mit meinen Gefühlen wie mit „wilden Tieren“ umgehen zu lernen, dann kann ich sie in die Arena lassen. Unsere Konditionierung bewertet Gefühle und meint, sie seien chaotisch, gefährlich, unkontrollierbar und sollten deshalb vermieden werden. Es geht jedoch darum, die Übertreibung der Gefühle im Sinne der Vermeidung nicht zu dulden und den Menschen in die Realität zurückzuholen. Dann wird der Umgang mit Gefühlen ruhig und auch für andere Beteiligte friedlich. Damit der andere im Moment des Kontaktes mit seinem Gefühl nicht „weggeht“, ist es wichtig, ihn in der aktuellen Situation zu halten, ohne sein Fühlen zu stören. In unserem Beispiel nutzte ich hierfür den Blickkontakt.

 

    d. Richtiger Abstand und stimmige Berührung. Erst als die Teilnehmerin die Traurigkeit als ihr tatsächliches Gefühl spürte und in Kontakt damit kam, näherte ich mich ihr, ohne den angemessenen Abstand zu übergehen. Ihre Traurigkeit war die erste ehrliche Gefühlsäußerung und öffnete ihr die Möglichkeit, mehr zu fühlen und noch ehrlicher zu werden. Dieser Vorgang ist mit „Tiefe“ gemeint. Als sie ihr kindliches Alter spüren und benennen konnte, reichte ich ihr meine „väterlichen“ Hände. Dieser Ablauf hat seinen eigenen stimmigen Rhythmus. Die Hände und die damit verbundene Vaterliebe zwang ich ihr nicht auf, sondern sie durfte sich eigenständig in Richtung meiner Hände bewegen. Hätte ich „unterstützend“ ihre Hände nehmen wollen, wäre es ein Übergriff gewesen und hätte ihren weiteren Gefühlsfluss blockiert. Es gilt wahrzunehmen, wer sich zu wem und warum bewegen will. Sie legte ihre Hände in die meinen, um die Einlösung der Vaterliebe zu erleben. Jetzt erst konnte ihr Verlangen nach mehr Kontakt entstehen. Sie äußerte den Wunsch, auf meinem Schoss zu liegen und ich erlaubte es ihr. In den Prozessen der Herzarbeit© ist dieser Rhythmus und die Frage, welcher Körperteil der richtige ist, ob etwa Kleidung oder Hautkontakt passend sind, von wesentlicher Bedeutung. Stimmige Berührung, die der Klient bewusst erlaubt und dirigiert, ist ein wesentliches Werkzeug der Arbeit. In unserem Beispiel war es das Halten der Hände. In einem anderen Fall könnte es eine Umarmung oder eine andere Form der Berührung sein, damit das Gefühl aktiviert und intensiver wird.

 

    e. Projektion erlauben. Ich hatte erlaubt, dass die Teilnehmerin ihre Vaterprojektion bewusst auf mich richten darf. Diese Entscheidung ist ein rückhaltloser Schritt - es gibt da kein Probieren. Ein Therapeut oder Gruppenleiter kann dies in der Regel erst, wenn er diesen Teil in eigenen Prozessen selbst kennengelernt hat. Er muss das Thema dabei nicht unbedingt gelöst, aber doch zumindest erfahren haben. Theoretisches Wissen ist hier hilfreich, aber nicht ausreichend. Die Gefühle des anderen kommen aus seiner Tiefe und es gilt, den Menschen in dieser Tiefe zu begleiten. Dazu muss ich erlauben, in meine Tiefe und Resonanz zu dem Geschehen zu gehen. Ich bin auf unpersönliche Weise voll beteiligt. Mit angemessener Erfahrung kann ich später als Gruppenleiter mit Menschen auch in Dinge hineingehen, die ich selbst noch nicht kenne, um sie so unmittelbar zu erfahren. Weil ich diese Haltung kenne und einnehme, kann ich unabhängig von Inhalten und Gefühlen ständig weiter lernen. Haltung ist hier nicht Meinung, sondern die Art und Weise, mit der ich bereit bin, den Dingen zu begegnen. Ein geistiges Verstehen, Deuten und Lernen wird erst nach bewusst zugelassener Projektion und dem gefühlten und dadurch in echt erfahrenen Prozess sinnvoll.

 

    f. Notwendige Ressource geben. Mich zur Verfügung stellen heißt: ich benutzte den anderen Menschen nicht, um mein eigenes Vaterthema zu bearbeiten. Ich sinke nicht in meine eigenen wechselnden Gefühle und Erinnerungen, sondern lasse sie nur im Hintergrund anklingen. Stattdessen stelle ich meine Vaterqualität nach meinen Möglichkeiten dem anderen zur Verfügung. Er bestimmt, ob und wie weit er diesen Bereich in sich erkunden will. Dieser Vorgang, den ich als „Ressource geben“ bezeichne, ist also nicht gleichberechtigt. Der eine gibt und der andere nimmt. Solange bis es getan und die Erfahrung beim anderen gelandet ist. Dies macht die Professionalität der Arbeit aus und ist gemeint, wenn ich beschreibe, dass es sich nicht um einen persönlichen Kontakt handelt. Im Laufe der Zeit wird eine Gruppe in diesem Sinne immer mündiger und die Teilnehmer können sich unabhängig von der Leitung gegenseitig immer tiefer unterstützen und sich untereinander Ressource geben. Damit werde ich als Gruppenleiter entlastet und habe die echte Motivation, eine Gruppe nicht abhängig, sondern mündiger werden zu lassen. Freie Gruppenleitung hat statt Manipulation oder zunehmender Machtaneignung der Leitung ein Interesse an der Entwicklung selbstständiger Teilnehmer, die ihre authentische Kompetenz und Macht über das Zulassen eigener Gefühle gefunden haben.

 

    g. Zurückholen und Verantwortung adressieren. Genau genommen biete ich dem anderen meine Hand und gehe mit ihm an die offenen Stellen und Traumata seiner Vergangenheit. Manchmal begleite ich ihn bis in die „Hölle“ seiner persönlichen Geschichte. Ich lasse uns beide von dieser Erfahrung berühren und begleite ihn dann wieder zurück in die Jetztzeit. Ich weiche dabei nicht von seiner Seite, bis er zurück ist und werde zum „Schamanen“. Der Schamanismus versucht auf allen Kontinenten und zu allen Zeiten, die Seele bzw. Teile der Persönlichkeit des Kranken durch Tanz, Ritual und Medizin wieder zu finden und zurück ins Leben zu holen. Die Formulierung „bis ans Ende aller Zeiten“ ist weder eine Lüge noch ein reales Versprechen. In der Situation fühlen die Beteiligten, dass es energetisch echt und notwendig ist und können dann weitergehen. In der therapeutischen Situation ist es durchaus ernst gemeint, wird von mir als Leiter auch wirklich gefühlt und für Augenblicke so erlebt. Aber eben nur für Momente, um dem anderen Menschen sein Gefühl zu ermöglichen. Dadurch spürt er die Verantwortung für seine eigenen Gefühle aus der Zeit des Traumas und kann sie durch dieses Erleben nicht mehr unbewusst in seinem Alltag als Forderungen an andere abgeben. Es ist Teil der realen Liebesfrage, welche die Teilnehmerin in unserem Beispiel als Kind an ihren Vater hatte. Um diese echte und zeitlose Vaterliebe in mir als Gruppenleiter zulassen zu können, muss ich meinen Vateraspekt bereits bearbeitet haben und damit im Reinen sein. Wie im Kapitel „Projektion zulassen“ benannt, bin ich nicht mehr reaktiv und kann diesen Anteil einem anderen Menschen professionell und im passendem Moment in einer reinen, unpersönlichen Form zur Verfügung stellen. 

 

    h. Feedback einsammeln. Dieser ganze Prozess wird bei den anderen Teilnehmern viel auslösen. Sie möchten teilhaben und sich bei Bedarf mitteilen, um das Erlebte zu verarbeiten. Viele spüren erst im Anschluss das reale Potential der Situation und was sie selbst damit verbinden können. Rückmeldungen sind jetzt notwendig. In fortgeschrittenen Gruppen wird aus dem eher persönlichen Feedback ein fortlaufender Prozess, indem der nächste Teilnehmer die vorhandene Energie unmittelbar für seine eigene Arbeit nutzen kann. Das dafür notwendige Bewusstsein setzt bei den Anwesenden ein hohes Maß an Eigenverantwortung voraus, das in der Regel nur fortgeschrittene Teilnehmer erarbeitet haben. Anfänger fühlen sich überfordert, verlieren den Überblick, werden unbewusst und beginnen dann leicht, Gruppe und Leitung zu attackieren. In Anfängergruppen ist es daher noch wichtig, Prozess und Feedback erkennbar zu trennen.

 

Die einzelnen Punkte werde ich nun im Folgenden unabhängig von dem hier angeführten Beispiel als wesentliche Grundbegriffe der Herzarbeit© definieren.

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